Webinare neu gedacht – 8 Varianten für mehr Pfiff und Interaktion

webinare Varianten

Webinare – denken Sie da an Folienvorträge, kombiniert mit Standbild oder Webcam des Sprechers? Die meisten Webinare sind wie klassischer Frontalunterricht gestaltet. Wenn Sie viele (anonyme) Zuhörer haben, geht es auch kaum anders. Doch innerhalb Ihres Coachingprogramms betreuen Sie eine überschaubare Anzahl an Teilnehmern und sollten den Webinarraum zur Interaktion nutzen. Dieser Artikel zeigt, wie das aussehen kann.

Das Wort Webinar setzt sich ja eigentlich zusammen aus Web + Seminar, also „Seminar über’s Internet“. Doch aus meiner Sicht zielt diese Begriffskreation an der Realität vorbei: Denn die meisten Webinare entsprechen eher einem Impulsvortrag – was in einem (Präsenz-)Seminar nur ein kleines Element von sehr vielen ist. Auch wenn ich persönlich Präsenzseminaren kritisch gegenüberstehe – weil es eben nur punktuelle Impulse und kein Prozesse sind – können bewährte Methoden der Gruppenarbeit aus Seminaren sehr hilfreich auch bei der Online-Betreuung von Teilnehmern sein.

Was kann man aus Präsenzseminaren in den Webinarraum übertragen?

Wer als Coach, Trainer oder Berater eine feste Teilnehmergruppe über das Internet betreut, begibt sich damit (noch) auf Neuland und wird wenig Literatur oder Infos dazu finden. Doch, was spricht dagegen, die reichlich vorhandenen Toolsammlungen für Präsenztrainings zu durchforsten und zu schauen, was sich davon – mit etwas Kreativität und abgespeckten Ansprüchen – auch im Webinarraum umsetzen lässt?

Fangen wir an, den Webinarraum ähnlich vielfältig zu verwenden, wie ein Präsenztrainer seinen Seminarraum! Ich werde in diesem Artikel ein paar Grundformate nennen – diese mit passenden Übungen zu Ihrem Thema zu füllen überlasse ich dann Ihnen ;)

Doch vorab nochmal kurz allgemein zum Aufbau eines Coachingprogramms:

Die zwei möglichen Funktionen von Webinaren innerhalb von Programmen

Eine bewährte Grundstruktur für Online-Programme habe ich in diesem Artikel ausführlich vorgestellt: coachingprodukte-entwickeln.de/coachingprogramm-grundrezept. Dort erläutere ich den idealtypischen Aufbau von Modulen und gebe auch den Tipp, dass die einzelnen Module sich vom Aufbau her möglichst ähneln sollten. Eine gewisse Routine wie z.B. „Jedes Modul startet mit einem Video + Arbeitsbogen und endet mit einem Webinar“ hilft den Teilnehmern bei der Orientierung im Programm.

Das Grundmuster eines Moduls ist: Impuls/Input + Selbstreflexion im Anschluß –> Praxisphase von mindestens einigen Tagen –> Besprechen/Austausch der neuen Erkenntnisse/Erfahrungen.

Mit Webinaren können Sie also grundsätzlich zwei Funktionen erfüllen:

  1. Sie geben Impulse/Input und sorgen dafür, dass Teilnehmer neue Sichtweisen bekommen, zum Nachdenken angeregt und zum Handeln aktiviert werden. Jeder Teilnehmer wird anschließend aufgefordert, das neue Wissen durch Selbstreflexionsfragen auf die eigene Situation zu übertragen.
  2. Sie ermöglichen Besprechen/Austausch und geben jedem Teilnehmer die Chance, mit seinen individuellen Fragen und Anliegen im Prozess aufzutauchen, Feedback zu bekommen, Erfolge zu feiern und sich der Gruppe zugehörig zu fühlen.

Mein Tipp ist, dass Live-Webinare entweder die eine oder die andere Funktion im Coachingprogramm übernehmen sollten. Webinare als „synchrone“ Methode sind tendenziell teuer und könnten die Teilnehmer durch zuviele feste Termine überfordern. In den meisten Fällen macht es daher Sinn, mit „asynchronen“ Methoden zu kombinieren, wie z.B. Videoimpulse (für Funktion 1) oder Betreuung im Forum oder via Mail (für Funktion 2).

So, jetzt aber zu den Webinar-Gestaltungsmöglichkeiten. In vielen Fällen würde ich den Begriff „Online-Workshop“ vorziehen – eben weil der Begriff „Webinar“ mittlerweile mit reinen Folienpräsentation assoziiert wird. Für die meisten Varianten ist es wichtig, dass Teilnehmer Headsets benutzen. Alle Varianten sind auf eine Dauer zwischen 60 und 120 Minuten angelegt.

In Webinaren Input und Impulse geben

Legende:Legende

 

1. Klasssiches Format: Inputphase + Austausch/Fragen im Chat

Format 1



Ja, auch die gute alte Folienpräsentation wird hier genannt. Doch vielleicht fällt Ihnen ja noch eine andere Möglichkeit ein, Ihre relativ lange Sprechzeit im Webinar zu füllen und Ihre Botschaften zu übermitteln? Einige Ideen stehen oben in der Box: Stellen Sie sich vor Flipchart oder Whiteboard während die Webcam aufzeichnet, zeigen Sie ein Video, das zum Thema passt und werten Sie das gemeinsam aus, nutzen Sie ein Grafiktablett, um bestimmte Zusammenhänge wie ein Lehrer an der Tafel nach und nach zu zeichnen usw.

2. Mit Kollaborativer Software gemeinsam ein Thema erschließen

Format 2 kollaborative Software

 

Dieses Format entspricht in etwa der „Kartenabfrage“ im Seminar: Zu einer Fragestellung tragen alle Teilnehmer ihr Wissen bei und so erschließt sich die ganze Gruppe gemeinsam ein Thema. Meist sortiert und clustert der Moderator zum Ende die Beiträge und fasst die wichtigsten Aussagen zusammen.

Technisch geht das mit onlinebasierten kollaborativen Tools, von denen es immer mehr gibt. Sie können meist in den Einstellungen festlegen, dass Ihr Dokument „public“ ist und von allen bearbeitet werden kann, die den Link kennen. Beispiele für kollaborative (onlinebasierte) Tools sind: docs.google.com (Anmeldung bei Google erforderlich), prezi.com, groupzap.com, mindmeister.de.

3. Interview „on-air“ mit Fragerunde

Format 3 Interview on-air

 

In diesem Fall kommt der Impuls nicht vom Moderator, sondern dieser hat einen „Experten“ eingeladen und befragt ihn. Der Interviewte könnte bspw. eine Person sein, die das Problem schon gelöst hat oder ein Buchautor zum Thema oder ähnliches. Die Teilnehmer bekommen anschließend die Möglichkeit, mündlich Fragen an den Interviewten zu stellen. Hierfür eignen sich auch google+ Hangouts.

4. Geführte Fantasiereise nach Vorab-Input

Format 4 Fantasiereise

 

Ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung, ob das funktioniert – aber einen Versuch wär’s doch wert?! In Seminaren kommen oft geführte Fantasiereisen zum Einsatz, weil diese den Teilnehmern einen ganz anderen Zugang zum Thema ermöglichen – warum soll das nicht auch „online“ funktionieren? Wenn es mal jemand testen mag – ich bin gerne als Testteilnehmer dabei. ;)

Webinare, die dem Kennenlernen, Austausch und Besprechen dienen

Welche der folgenden Vorschläge sich in Ihrem Programm eignen, hängt von der Teilnehmerzahl ab, aber natürlich auch vom Thema. Wichtig ist das Grundprinzip, dass die Teilnehmer mit Ihren individuellen Fragen und auch Ihren Fortschritten und Erkenntnissen auftauchen können. Hierbei kommt es auf eine gute, klare Struktur und gutes Zeitmanagement an – eine Eieruhr leistet mir dabei stets gute Dienste ;) Sie als Moderator müssen vor allem im Auge behalten, dass die knappe Sprechzeit gerecht aufgeteilt wird und sich keiner benachteiligt fühlt.

1. Reihum „einchecken“: Jeder berichtet kurzFormat 5 Einchecken

 

Jeder Teilnehmer kommt nacheinander dran und berichtet kurz von seinen Erkenntnissen, noch offenen Fragen und Erfahrungen und wird dafür für einige Minuten zum Sprechen freigeschaltet. Eignet sich für bis zu 15 Teilnehmer. Im Anschluß ist oft noch Zeit, 2-3 kurze „Lasercoachings“ durchzuführen, in der der Moderator vor der Gruppe gezielt mit den Teilnehmern arbeitet, die gerade an speziellen Hürden festhängen oder Fragen hatten, die alle interessiert.

2. Kleingruppen- oder Tandemarbeit in separater Telefonkonferenz

Format 6 Kleingruppenarbeit

 

Unterbrechen Sie das Webinar und schicken Sie Ihre Teilnehmer in Skype-Konferenzen, um sich zu zweit, dritt oder viert über eine bestimmte Fragestellung auszutauschen (einige Webinarräume haben auch „Nebenräume“). Hier gibt es in den Toolsammlungen für Trainer sicher die eine oder andere kreative Idee für mögliche Kleingruppenaufgaben. Anschließend treffen sich alle wieder im Webinarraum und jede Gruppe kann kurz berichten. Mit Einzelarbeitsphasen kombiniert könnte sich dieses Format im Grunde auch über einen ganzen Tag hinstrecken und so einen Online-Ganztagesworkshop bilden. Das wär‘ mal wirklich innovativ…

3. Kollegiale Beratung / Erfolgsteam: Jeder wird reihum von den anderen beraten

Format 7 Kollegiale Beratung
Dieses Format eignet sich nur für kleine Gruppen von maximal 5 Personen. Ich persönlich führe moderierte Sitzungen nach dem Muster der Erfolgsteams lieber in Skype oder per Telefon durch (Webcam lenkt eher ab, Visualisierungen sind auch meist nicht nötig), aber es geht natürlich auch im Webinarraum. Gerade bei längeren Programmen brauchen die Teams nur in den ersten Sitzungen die Moderation und laufen danach – mit klarem Zeitplan ausgestattet – gut selbstorganisiert.

4. Fragen- und Antwort-Sprechstunde

Format 8 FAQ webinar

 

Dies ist eine Möglichkeit, auch bei größeren Teilnehmergruppen bis ca. 25 Personen das individuelle Vorankommen zu fördern. Wichtig ist, dass auf jede Frage von Teilnehmern eingegangen werden sollte. Wenn eine Frage sich nicht für das Besprechen in der großen Runde eignet, können Sie die Frage per Mail oder im Forum beantworten.

Das waren meine Vorschläge – welches Format probieren Sie aus?

Ich gebe zu: Einige meiner Vorschläge sind nichts für Anfänger. Ein wenig Übung gehört sicher dazu und auch eine große Portion Gelassenheit, weil natürlich die Fehlerquellen zunehmen, wenn man sich hinter seiner üblichen Folienschlacht hervorwagt.

Aber finden Sie nicht auch, dass es an der Zeit ist, dass wir die vorhandene Technik besser zu nutzen um letztlich wirkungsvollere Unterstützungsmöglichkeiten für Kunden zu schaffen? Denn: Im realen Leben ist der Frontalunterricht total out – in der virtuellen Welt erlebt er gerade seine zweite Blüte… :)

Meine Idee: Wenn Sie ein bestimmtes Format einmal testen möchten, suchen Sie doch andere, die ebenfalls Webinare interaktiver nutzen möchten, um zu dritt oder viert das eine oder andere mal zu testen. Ein Gesuch könnten Sie auch gerne auf meiner Facebookseite posten oder hier ins Kommentarfeld reinschreiben.

Auch darüber hinaus freue ich mich wie immer über Kommentare und Diskussion.

An dieser Stelle gibt es von mir auch ein großes DANKE an Sie für’s Durchhalten in diesem langen Artikel! :D

Herzliche Grüße

Marit Alke

 

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